AUS DER STILLE, AUS DER TIEFE

Beständiger Wandel: Variationenreihen beherrschen die erste Hälfte des Rezitals. Aber Michail Lifits schöpft sie aus der Stille, aus der Tiefe: Mit einer Trauermusik, Wolfgang Amadeus Mozarts d-Moll-Fantasie (KV 397), stimmt er erst leise Verzweiflung an, bis er sich hochromantisch mit ganzer Wucht zu einem Kummer bekennt, der ewig währen zu wollen scheint. Doch überraschend bruchlos schließt der 30-jährige Künstler Mozarts "Duport-Variationen" (KV 573) unmittelbar an und verändert die Haltung so schlüssig wie grundlegend in anmutige Verspieltheit. Geläufig und komplikationslos, nie freilich gleichgültig macht er sich die Episoden zu eigen, bis er, spät, ihren Charakter doch noch von der klopfenden Motorik in Milde und schwermütiges Moll transformiert.

 

Mit tiefen, zuweilen keuchenden Atemzügen, verträumten Mienen, sich wiegendem Körper liefert Lifits sich der Musik aus - erst recht den "Corelli-Variationen" Sergej Rachmaninows, in denen er auf den tragischen Habitus der Mozart-Fantasie zurückkommt. Charaktervariationen - in jeder von ihnen enthüllt der Interpret, technisch so gut wie tadellos, unbeirrbar in seinem Deutungswillen, eine andere Klang-Gestalt. Sonor predigt er oder verfällt in nervöse Unruhe; zerreißende Konflikte im Innern trägt er aus, versinkt in melancholische Sehnsucht und schlägt wenig später kriegerisch drein; er fleht, fast verstummend, oder prescht im Galopp drauflos, zelebriert die Zaubersprüche für himmlische oder höllische Halluzinationen, zieht im Triumph einher - und schließt mit einem tiefen, kurzen Einzelton, so endgültig wie beiläufig. Für solche Fülle und Farbigkeit wirft sich Lifits dank seines vielfältig nuancierenden Anschlags zum Gebieter über alle Register des Flügels, die perkussiven wie die singenden, auf.

 

Dass er dabei das Pedal gelegentlich zu exzessiv gebraucht, führt in der abschließenden "Kreisleriana" zu einem ungestüm zornigen, indes vermauschelten Anfang. Gleich aber wiegt er das Manko durch intim tändelnde Zartheit aus, und die im Wechsel klar hervortretenden Ober-, Mittel- und Unterstimmen seines Spiels geben dem komplexen Zyklus Robert Schumanns auch weiterhin etwas Bipolares. Durch Brüche, Umschwünge, krasse Kontraste spannt Michail Lifits die Dramaturgie. Zu einem kaum noch beleuchteten Grund taucht er ab, erstarrend beinah bis zur Bewegungslosigkeit - um sich dann energisch am eigenen Schopf aus der Stille, aus der Tiefe, aus schier tödlicher Lähmung zu ziehen. Unter der explosiven Verve des Virtuosen ist der verrückte Verstand des hoffmannschen Kapellmeisters Kreisler zu spüren, den Schumanns Werk porträtiert. Hypnotisch lässt sich der Pianist in Zustände der Beseligung fallen, resignierend von Niedergeschlagenheit deprimieren. Doch dann schäumen manisch unter den Händen Passagen des Rauschs auf bis zum wirbelnden Veitstanz.

 

Ein ausgefüllter Soloabend: Hier war sich einer selbst genug. Eine Sternstunde? Der Star, in der Ferne, hat nicht gefehlt. 

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